Über das Projekt

In der Softwareindustrie haben sich Open-Source-Communitys seit der Jahrtausendwende als Schnittstellen der Kollaboration und Inkubatoren in Innovationsprozessen etabliert; sie haben dabei aber ihre Formatierung als subversiv und partizipativ angelegte Alternative zur kommerziellen Softwareherstellung verloren. Vor diesem Hintergrund widmet sich dieses Projekt der Frage, inwieweit sich jüngere digitale Projektgemeinschaften mittlerweile auf entsprechende Aneignungs- und Professionalisierungsdynamiken eingestellt haben und veränderte Arbeitszusammenhänge ausbilden konnten, die einer ‚Kolonialisierung‘ durch Unternehmen und einer internen Machtkonzentration entgegenwirken.

Kontext

Die Open-Source- und Open-Content-Communitys der ersten Generation sind inzwischen eng mit kapitalistischen Marktstrukturen verschränkt. Als Steigbügelhalter für Hoffnungen auf demokratische Arbeitszusammenhänge oder den Aufschwung allmende-orientierter Wirtschaftsformen taugen diese Projektkontexte nicht mehr. Sie reproduzieren auch in ihren internen Koordinationsweisen eingespielte soziale Ungleichheitsdifferentiale, was sich z.B. in einer Schließung gegenüber Neulingen und einem deutlichen Gender-Gap zeigt. Wie aber sieht das in jüngeren digitalen Projektgemeinschaften aus, die gerade erst in das Sichtfeld etablierter Wirtschaftsakteure rücken? Inwiefern heben sich diese Communitys in ihren Strukturierungsmustern von eingespielten Formen webbasierter Koproduktion ab? Haben sich in ihren Projektzusammenhängen institutionelle Arrangements ausgebildet, die internen Einfluss- und Teilhabeasymmetrien entgegenwirken und egalitäre Kollaborationsformen dauerhaft stabilisieren können? Durch welche politischen Interessenvertretungen können solche Projektgemeinschaften Unterstützung erfahren, um ihre Arbeitszusammenhänge offen zu halten?

Fragestellung

Aus organisations- und techniksoziologischer Perspektive sollen sowohl marktzentrale Open-Source-Projekte, jüngere Social-Coding-Vorhaben als auch Communitys in angrenzenden sozioökonomischen Bereichen (z.B. Maker-Szene, Sharing Economy) vergleichend in den Blick genommen werden, um erstens zu eruieren, ob sich in aktuellen digitalen Projektgemeinschaften soziotechnische Arrangements herausbildet haben, die zu einer Immunisierung gegenüber einer Instrumentalisierung von außen und einer internen Einflusskonzentration beitragen. Zweitens soll beobachtet werden, welche Rolle die jeweiligen Communitys als Inkubatoren in Innovationsprozessen einnehmen und wie ihre Koordinationsmuster auf die Arbeitsweisen in formalen Organisationen zurückwirken. Drittens soll herausgearbeitet werden, wie sich die durch die digitale Effektivierung der Kommunikation aufgeschlossenen Potentiale zur Selbstorganisation auch bei steigender Größe und Marktrelevanz der Projekte erhalten lassen.

Untersuchungsmethoden

Um zu klären, inwiefern sich aktuelle digitale Projektgemeinschaften von eingespielten Communitys im Open-Source-Bereich unterscheiden, werden zunächst vergleichende rekonstruierende Fallstudien durchgeführt, die mit einer gegenstandsadäquaten Kombination qualitativer und quantitativer Zugriffsweisen verschieden ausgerichtete Projektgemeinschaften in unterschiedlichen Sektoren in den Blick nehmen. Auf dieser Grundlage erfolgen anschließend theoretisch-konzeptionelle Verdichtungen, die zusammen mit einem Rückblick auf frühere Episoden kollektiver Invention verallgemeinerbare Muster der onlinezentrierten Koproduktion, die damit einhergehenden Chancen bzw. Risiken für eine offene Arbeits- und Wirtschaftswelt sowie potentielle Regulationsmöglichkeiten herausarbeiten.